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10.04.06
Unterricht in der Primary School
Heute wurde ich das erste Mal so richtig gefordert. Als ich um 8.25 Uhr das Schulgelände der Primary School betrat, platzte ich direkt in den Morgenappell. Von weitem hatte ich schon die lauten Klänge aus dem Lautsprecher vernommen. Mir war aber nicht bekannt, wann sich hier zum Fahnehissen versammelt wird. Um 8.40 Uhr begann dann der Unterricht. Bis auf die beiden fünften und die sechste Klasse umfasste die Klassenstärke „nur“ 40 Schüler. Aber auch das war genug. Wesley, für den ich diesen Stress auf mich genommen habe, unterrichtet lediglich eine von fünf Wochenstunden in den einzelnen Klassen. Die anderen vier Stunden werden die Kinder von ihren einheimischen Englischlehrern betreut. So saß in jeder Stunde der entsprechende Fachlehrer hinten drin und beobachtete das Geschehen, damit er weiß, wo er die nächsten Stunden ansetzen muss. Es war insgesamt einfach zu laut. Die Kinder brüllten sich nur an, es war hoffnungslos, in der Pause mit jemandem ein Wort zu wechseln. Zum Stundenbeginn setzte sich jeder auf seinen Platz und dann ging es los. Die vier Stunden bis zur Mittagspause waren noch ganz gut zu verkraften. Die Schüler machten gut mit. In den Pausen wurde immer wieder durch alle Lautsprecher in unangemessener Lautstärke Musik zur Erholung gespielt. Dabei sollten sich die Kinder mit dem Kopf auf die Bank legen und Augengymnastik machen. Aber bei dem Lärm kann man sich einfach nicht erholen. Die Kinder waren sehr lebhaft, und es machte ihnen sichtlich Spaß, ihr Können unter Beweis zu stellen. Um 14.30 Uhr ging es dann mit der 6.Klasse weiter. Das waren über 50 Schüler, und da merkte man schon einen gewaltigen Unterschied zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Schülern. Viele wollen den Eintritt in die Shuangliu Middle School schaffen, das ist ihr großes Ziel, aber die Plätze reichen nicht für alle. So ist die Aufnahme nur den Besten vorbehalten. Im Raum war es auch zunächst ruhig, und die Kinder versuchten dem Geschehen aufmerksam zu folgen, aber draußen war ein Krach… Da die Fenster und Türen immer offen stehen, kommt es von allen Seiten. Das kann man sich nicht vorstellen. Ich bin einiges von unseren Schülern gewohnt und kann bestimmt auch eine ganze Menge Lärm vertragen, aber das war dann doch zu viel des Guten. Ich war aber weit und breit die einzige, die das offensichtlich gestört hat. Dann wurde eben im Klassenraum auch immer lauter geantwortet, bis man sich nur noch anbrüllte. Keiner hat Anstoß an dem höllischen Krach genommen. Nein, also das ist für mich keine Arbeitsatmosphäre. Und dann kam noch das „Sahnehäubchen“, die 3.Klasse. Als ich den Raum betrat, tummelte sich ein Knäuel Kinder auf dem verdreckten Fußboden. Es wurde durch den Raum getobt, hinaus gerannt, durch den zweiten Eingang wieder rein, es wurde sich angebrüllt, und keiner da, der mich aus meiner Hilflosigkeit befreite. Die Kinder verstanden mich nicht, aber ich wollte anfangen, um pünktlich zu meiner Deutschstunde zu erscheinen. Sie hatten zwar so nebenbei Notiz von mir genommen, mich auch winkend begrüßt, aber alles tobte weiter. Es war mit dem Chef der Englischlehrer ausgemacht, dass wir zehn Minuten eher anfangen, davon wussten allerdings die Kinder und die zuständige Lehrerin nichts. Irgendwann kam dann die Lehrerin, ich machte ihr meine Situation verständlich, und es ging dann tatsächlich einige Minuten eher los. Ich bezweifle ganz stark, dass das notwendig war, aber die Lehrerin war die ganze Stunde nur damit beschäftigt, die Kinder, die Ermüdungserscheinungen hatten, bzw. nicht das machten, was sie sollten, mit ihrem Lineal zu züchtigen, und das nicht zaghaft. Diese Methode erschreckte mich schon ganz schön. Klar war das ein Wahnsinn, so viele 8- und 9jährige um diese Uhrzeit bei der Stange zu halten, aber das hätten wir auch anders hinbekommen. Leider hatte ich keine Zeit, mich nach der Stunde noch kurz mit der Lehrerin zu unterhalten. Meine Stimme war nach den sechs Stunden mächtig in Mitleidenschaft geraten. Was für eine Wohltat waren doch meine Deutschschüler! Bloß gut, dass meine siebte Stunde so harmonisch ablief. Wäre nicht Sirley gewesen, die mich überredete, nach diesen Strapazen noch mit ins Fitnesscenter zu kommen, ich wäre heute zu Hause geblieben, hätte meine Beine hochgelegt und mich erholt, ohne jegliche selbst erzeugte Geräuschkulisse. So tat ich mir auch noch diesen Stress an. Da ich nicht die besten Erfahrungen mit dem indischen Bauchtanz gemacht hatte, entschied ich mich heute für den zeitgleichen Aerobickurs. Das war ein Fehler, denn da ging so richtig die Post ab. Ich weiß gar nicht, wie ich nach Hause gekommen bin. Mit meinen Füßen jedenfalls kann ich heute nichts mehr anfangen.
Posted by carola um 10.04.06 23:05
