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06.04.06
Erste Kontaktaufnahme mit der Primary School
Heute war es wieder richtig schön warm. Kaum scheint die Sonne, sieht man die Damen auf den Straßen mit Schirmen oder anderer Art von Schutz, um die Strahlen von ihren Gesichtern fern zu halten.
Pünktlich um 9.00 Uhr begleitete mich Sirley zur Primary School, um mich dort vorzustellen. Ich wurde sehr offen und nett von den Lehrern begrüßt. Der Chef der Englischlehrer fühlte sich gleich verantwortlich für mich, gab mir meinen Stundenplan für Montag und zeigte mir in den Gebäuden jeden der 6 Klassenräume, wo ich mich einzufinden habe. Wenn ich die alle wieder finde, dann bin ich wirklich gut. Die letzte Stunde musste um 10 Minuten vorgezogen werden, damit ich pünktlich mit meiner Deutschstunde an der Senior School beginnen kann. Ein Blick in die vollbesetzten Klassenräume ließen mich doch nachdenklich werden. Insgesamt lernen an der Primary School „nur“ etwas über 2000 Schüler. Es gibt 6 Klassenstufen, die jeweils sechszügig laufen. Jede Klasse hat um die 60 Schüler. In der Pause scharrten sich die Kinder um die „Neue Außerirdische“ und wollten sich mit mir unterhalten. Wenn die auch im Unterricht so viel Interesse zeigen, kann ich ja zufrieden sein. Ich werde zwei Klassen im 4. Jahrgang, zwei Klassen im 5., eine Klasse im 3. und eine Klasse im 6. Jahrgang unterrichten. Das ist die einzige Englischstunde, die die Kinder in der Woche haben. Die Frage nach Arbeitsmaterialien, nach denen die Schüler unterrichtet werden, wurde mit Erstaunen entgegengenommen. Es stellte sich aber heraus, dass die Schüler tatsächlich ein Lehrbuch besitzen. Schnell wurden die dazugehörigen Lehrerhandbücher herangeschafft. Zu Hause angekommen, wollte ich von Wes wissen, was er zuletzt mit den einzelnen Klassen durchgenommen hat, damit ich weiß, wo ich anknüpfen kann. Er sah diese Lehrerhandbücher zum ersten Mal und hatte absolut keinen Plan, was er mit den Kindern eigentlich die ganze Zeit gemacht hat, zumindest nichts Kontinuierliches. Nun wundert es mich natürlich nicht mehr, wie man nahe an einem Nervenzusammenbruch stehen kann und durch so einen vollen Tag Schaden nimmt. Ich kann mich nicht ohne jeglichen Plan vor 60 Kinder in der Unterstufe stellen und erwarten, dass die Stunde störungsfrei vorüber geht, ohne etwas Handfestes geboten und konkrete Forderungen an die Kinder gestellt zu haben. Na, da habe ich mich auf etwas eingelassen. Ich bin gespannt, wie die Kinder mich annehmen. Wenn die Schüler willig sind, und das sind sie hier im Durchschnitt alle, kann man mit etwas Engagement schon etwas erreichen, da bin ich ganz sicher. Anders als in Deutschland, wo kaum ein Wille von den Schülern zu spüren ist, in der Schule etwas zu lernen. Unseren Schülern geht es einfach zu gut, trotz der hohen Arbeitslosigkeit. Da kann man sich als Lehrer noch so bemühen.
Meine Stunde an der Junior School war wieder ein sehr schönes Erlebnis. Es macht richtig Spaß, mit den Jugendlichen zu arbeiten. Zunächst zierten sich alle, einzeln etwas zu wiederholen oder einen Satz zu formulieren. In der Gruppe fällt es ja nicht auf, wenn Fehler gemacht werden. Nachdem ich ihnen aber Mut zugesprochen und ihnen versucht hatte zu erklären, dass man eine Sprache nur lernt, indem man spricht, egal wie viele Fehler am Anfang gemacht werden, schöpften sie Mut, und schließlich wollte jeder Lehrer sein und die Fragen, die wir geübt hatten, an ihre Mitschüler weiterreichen.
Zum Dinner lud mich Claire dieses Mal in ein anderes Restaurant ein. Heute gab es Porridge (Haferbrei), den wohl besten in Shuangliu, und Lotusgemüse, zwei gewöhnungsbedürftige Speisen. Während Claire danach zur Kosmetik ging, kehrte ich in unserem „Stammlokal“ ein, wo Camille mit Jonathan und Jason zu Abend gegessen und nun noch in gemütlicher Runde beisammen gesessen hatte. Camille hatte mich heute Morgen über dieses Treffen informiert und mich dazu eingeladen. Jason wird für eine Woche nach Beijing reisen und wollte ein paar Tipps von mir haben. Da er nur als Freund seit 3 Monaten bei Jonathan wohnt und keine beruflichen Verpflichtungen hat, kann er sich das leisten, während Jonathan arbeiten muss. Im Mai muss Jason dann mal wieder zurück nach Florida, um sich einen Job zu suchen. Das Geld wird durch Urlaub auch nicht mehr. Aber hier in China braucht man tatsächlich nicht viel Geld zum Überleben, wenn man nicht noch andere Verpflichtungen hat. So hatten wir eine nette Talkrunde. Während ich hier von einer Verabredung zur anderen husche, und es mir wirklich gut geht, müsst ihr Lieben zu Hause Sandsäcke schippen. Ich verfolge mit großer Sorge täglich die aktuellen Wasserstandsmeldungen und hoffe, dass keiner unter euch Betroffenen zu Schaden kommt. Die Bilder sind ja alles andere als optimistisch zu betrachten. Ich hoffe, dass bald alles überstanden ist.
Posted by carola um 06.04.06 22:38
