« Vertretung in der Primary School | Startseite | Erste Kontaktaufnahme mit der Primary School »
05.04.06
Ein ganz gewöhnlicher Mittwoch
Heute war es wieder etwas frischer auf der Straße, die Sonne ließ sich nur ab und zu sehen. Am Morgen bekam ich ein neues Telefon, aber damit komme ich auch nicht weiter als bis zu Camille bzw. ins Büro. Ich kann zwar aus allen Orten der Welt Anrufe empfangen, aber keine hinaus tragen. Bei der Gelegenheit habe ich meinen allmorgendlichen Weckruf storniert, da ich dafür bezahlen muss, obwohl ich ihn gar nicht brauche. Ich hatte ihn auch nie angefordert.
Bei meinem alltäglichen Rundgang bekam ich es heute regelrecht mit der Angst zu tun, als vor einer Bank zwei schwerstbewaffnete Männer, vermummt bis über beide Ohren, aus einem Van sprangen. Einer postierte sich links, der andere rechts vom Auto. Dann stieg ein Herr mit einem Blechkoffer aus dem Wagen. Als er wieder aus der Bank trat, stiegen alle drei wieder in ihren Lieferwagen und fuhren davon. So, dachte ich, läuft also eine Geldübernahme hier in China ab. Als ob das friedliche, auf der Straße herumlungernde und Majiang spielende Volk dort eingreifen wollte.
Am Tor zur Schule grüßte ich wie jeden Tag das Dienst habende Wachpersonal ganz freundlich. Die ersten Tage wurde mein Gruß nur verwundert entgegengenommen, inzwischen warten die Herren regelrecht darauf und grüßen lächelnd zurück. Hier ist es nicht üblich sich zu begrüßen oder zu verabschieden. Da habe ich wohl etwas Neues eingeführt.
Im Büro fragte ich dann mal leise an, was der Staff so von einer Reise nach Tibet hält. Bryan war sofort bereit, mit mir ins Reisebüro zu gehen und sich nach günstigen Angeboten zu erkundigen. So eilig hatte ich es ja nun auch wieder nicht. Es ist nicht ganz einfach dort einzureisen. Es sind sehr viele Formalitäten zu erledigen. Aber eine Reise dorthin lohnt sich immer, meinte Bryan. Als ich dann von der Schülerin erzählte, die mich gefragt hatte, winkte er nur ab. Das sollte ich mal lieber sein lassen. Besser ist eine offizielle Reise übers Reisebüro. Er würde mich auch begleiten, denn allein sollte ich lieber nicht fahren. Selbst übers Wochenende lohnt sich die Fahrt dorthin. Na, ich weiß ja nicht. Und so hatte ich meine Frage auch nicht verstanden haben wollen. Betty fragte heute nicht noch einmal, und ich habe mich auch nicht geäußert.
Dann erfuhr ich heute, dass die „Spezitruppe“, also die neun Schüler, mit denen ich dreimal die Woche arbeite, auch sonntags nachmittags Deutsch hat, und zwar bei einem Chinesen, der in Deutschland studiert hat. Er lehrt ausschließlich Grammatik. Auf meine Frage, warum Lydia bei unserem Sonntagsausflug nach Chengdu nichts davon erzählt hat, meinte sie, da geht eh keiner hin, weil keiner etwas versteht, obwohl er es auf Chinesisch erklärt. Da sind meine Stunden viel effektiver, und sie lernen etwas dabei. Aber wir sind auch noch nicht sehr intensiv auf die Grammatik eingegangen. Wir sprechen eher und lernen, uns im alltäglichen Leben auszudrücken und verständlich zu machen.
Da Wes jeden Yuan braucht, besonders wegen des Babys, hat er mich lediglich gebeten, seine sechs Montagsstunden in der Primary School zu übernehmen, die ihn besonders schlauchen, damit er drei Tage hintereinander zur Erholung hat. Die anderen Tage hat er immer nur eine bzw. zwei Stunden an dieser Schule. Jede Stunde, die er nicht hält, wird ihm knallhart vom Lohn abgezogen, egal aus welchem Grund er fehlt. Wenn ich helfen kann, bin ich natürlich gern bereit, und ich werde mich nicht an dem Geld bereichern, was ihm zusteht.
Im Fitnesscenter hat inzwischen das 5. Laufband seinen Geist aufgegeben. Es wird einfach ein Zettel dran geklebt, außer Betrieb, und dann rosten die Geräte da vor sich hin. Bald bleibt einzig und allein der Aerobickurs, da die restlichen fünf Laufbänder hoffnungslos überlastet sind. Auf meinem Nachhauseweg bekam ich auf der Straße eine ordentliche Dusche ab, und ich hatte gerade so schön warm geduscht. Die beiden Sprühwagen, die die trockenen Straßen unter Wasser setzten, kündigten sich zwar schon von weitem mit lauten Geräuschen an, ich konnte auch noch zur Seite springen, aber einzig die Flucht in ein Geschäft hätte mich vor dieser schmutzigen weitreichenden Dusche bewahrt.
Posted by carola um 05.04.06 22:16
