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20.03.06
Neue Woche, neuer Versuch
Heute gab es wieder relativ normale Luft zum Atmen, ganz anders als gestern. Es war aber auch nicht so warm wie gestern. Da ich aber eine verstopfte Nase habe, war mir das heute relativ egal. So richtig tief durchatmen kann ich zur Zeit eh nicht. Pünktlich um 9.20 Uhr fand ich mich auf dem Sportplatz der Schule ein, um einen neuen Versuch zu starten, ein paar Bilder von der Montagmorgenzeremonie zu machen, natürlich habe ich vorher im Büro um Erlaubnis gebeten. Es lief ab wie am letzten Montag, nur wurden diesesmal drei Jungen an den Pranger gestellt. Ich verstand nichts von der Rede, die gehalten wurde. Es gab aber eine gewisse Redepause, in der sich alle Schüler den Hals nach den drei "Abtrünnigen" verrenken durften, bzw. die Gelegenheit bekamen, aus der Reihe zu treten, um sie sich genau zu betrachten. Leider habe ich bis jetzt nicht in Erfahrung bringen können, was sie sich zu Schulden haben kommen lassen. Angenehm war es für die Drei jedenfalls nicht.
Dann erfuhr ich heute, dass ich mich hier keiner gründlichen ärztlichen Untersuchung unterziehen lassen muss, weil mein Visum nicht verlängert werden muss. Ich verlasse das Land genau nach Ablauf der 90 Tage, die mein Visum gültig ist. Puh, da habe ich ja noch einmal Glück gehabt. Camille dagegen schwitzt jetzt schon Blut und Wasser bei dem Gedanken, die Spritze, der sie keineswegs traut, beim Blutabnehmen in den Arm gesetzt zu bekommen. Diese nette Dame aus den USA (sie wohnt zwei Etagen unter mir, in der 3.Etage) ist schon einige Monate hier und wird auch noch länger hier als Englischlehrerin arbeiten. Für sie kommt diese Untersuchung in den nächsten Tagen in Frage. Sirley kann morgen ihren Pass aus Chengdu abholen.
Nach meiner Deutschstunde (heute waren 9 Schüler anwesend) unterhielt ich mich noch ein wenig mit den Schülern, um herauszubekommen, wie sich das mit dem langen Schultag verhält. Also, diese 16-Jährigen beginnen um 7.50 Uhr (wie alle) mit dem Unterricht. Nach 5 Stunden ist von 12.10 Uhr bis 14.30 Uhr Mittagspause, in der sie zum Mittagessen nach Hause oder irgendwohin in die Stadt gehen (die Heimschüler essen in der Schulmensa). Um 14.30 Uhr beginnt der Nachmittagsunterricht, der für sie drei Stunden á 40 Minuten umfasst. Danach, um 16.50 Uhr, gehen sie wieder nach Hause bzw. in die Mensa, um ihr Abendbrot einzunehmen. Um 18.30 Uhr müssen sie wieder in ihrem Klassenraum erscheinen zur Erledigung der Hausaufgaben, oder auch Selbststudium genannt. Um 21.30 Uhr ist für sie Feierabend, da dürfen sie dann endgültig für diesen Tag die Schule verlassen. Bis 23.30 Uhr sitzen nur die Schüler des letzten Jahrganges, um sich intensiv auf die Abschlussprüfungen vorzubereiten. Diese sind unglaublich hart, denn nur wer sie besteht, darf an einer Hochschule oder Universität studieren. Es gibt aber viel zu wenig Studienplätze für die vielen Abgänger. Das ist dann wirklich nur etwas für die Besten der Besten. Aber keiner möchte bei den Prüfungen durchfallen, und deshalb wird geackert bis zum Umfallen.
Nach diesem aufschlussreichen Gespräch wagte ich einen neuen Versuch im Fitnesscenter. Einmal mehr musste ich die bittere Erfahrung machen, dass ich nicht für das Ballett geeignet bin. Mit Aerobic, so wie wir das kennen, haben diese Veranstaltungen nicht viel zu tun. Diesesmal leitete eine andere Trainerin das Programm. Einmal mehr sind meine sämtlichen Innereien durcheinander gewirbelt worden bei den kräftigen Hüftschwüngen und Bauchtanzeinlagen. Ich merke plötzlich Muskeln, von deren Besitz ich bisher nicht die leiseste Ahnung hatte, und das mit aller Macht. Wenn es doch wenigstens Mambo- oder Cha Cha Cha-Schritte wären, die ich aus unserem Fitnessstudio kenne... Nein, es sind Schritte, die mich hoffnungslos alt aussehen lassen. Dann noch die schwingenden Arme dazu... Aber diesesmal gab es doch tatsächlich noch Teilnehmerinnen, die mit Sicherheit etwas mehr als 46 kg auf die Waage bringen. Während wir dann noch eine Stunde auf dem Hometrainer um die Wette radelten, gab es eine nette Unterhaltung zwischen Sirley und mir. Sirley meinte, ich müsse noch eine Woche Geduld haben, um die Schritte zu erlernen, aber dann habe ich sie drauf. Man muss nur optimistisch sein! Zum Abschluss wurden wir dann sogar noch mit warmem Wasser unter der Dusche belohnt. Das tat so richtig gut. Das letzte Mal müssen zu viele gleichzeitig drunter gestanden haben.
Posted by carola um 20.03.06 21:12
Kommentare
Liebe Carola,
du schreibst so wunderbar, humorvoll und interessant. Ich freue mich schon immer (und warte mit Spannung) auf die taegliche Fortsetzung. Die Erfahrungen mit dem Smog sind ja echt krass. Das ist eben die Kehrseite der rasant schnellen Industrialisierung ohne umweltschuetzende Einschraenkungen.
Ich habe unseren Eltern wieder alles vorgelesen. Sie warten nun auch schon immer auf meinen taeglichen "Vorleseanruf". Wir alle wuenschen dir gute Besserung, damit du weiterhin alle Eindruecke so intensiv aufnehmen kannst.
Warum haben deine chinesischen Kollegen eigentlich englische Vornamen? Haben sie sie nur fuer die Auslaender "angelegt", damit sie einen fuer unsere Mundwerkzeuge aussprechbaren Namen haben?
Liebe Gruesse aus der Heimat,
Mutti, Vati und Conny
Posted by: Conny um 21.03.06 00:56
