« Die Junior School | Startseite | Der Subbotnik »
24.03.06
Ein verregneter Freitag
Heute gab es vorwiegend Regen. Während es die Tage zuvor lediglich mächtig in den Nächten geregnet hatte, ließ die Sonne heute den ganzen Tag auf sich warten. Gerüstet zum Ausflug nach Chengdu, rief mich Sirley eine Minute vor Abfahrt an und bedauerte, mir mitteilen zu müssen, dass das Schulauto heute doch nicht zur Verfügung steht, und wir deshalb wieder nicht nach Chengdu fahren können. Leider war Camille gerade fort, sonst wäre ich mit ihrem Einverständnis bereits heute mit in den Kindergarten gegangen. Sie hat dort jeden Montag, Mittwoch und Freitag Unterricht. Da das Wetter nicht zu einem Spaziergang einlud, nutzte ich den Morgen bereits zum Saubermachen -hier muss man wirklich jeden Tag wischen- und bereitete weitere Arbeits- und Übungsblätter für meine Schüler vor. Heute waren allerdings nur fünf Schüler anwesend, die anderen nahmen an einem Sportwettkampf teil. Nach dieser Stunde wartete Sirley bereits auf mich, um wieder gemeinsam ins Fitnesscenter zu gehen. Jeden Mittwoch geht sie zur Kosmetik, deshalb ist sie an dem Tag nicht im Sportcenter anzutreffen. Auf meine Frage nach dem Grund für das Geschenk gestern antwortete sie, ihr Mann hätte diesen Tee besorgt und hätte das Bedürfnis gehabt, mich damit herzlich in China willkommen zu heißen. Camille hätte das bei ihrer Ankunft auch bekommen. "Wir sind eben eine nette Familie." Das kann man wohl laut sagen. Leider hatte ich noch nicht das Vergnügen, ihren netten Mann kennenzulernen. Die 15-jährige Tochter ist mir schon vorgestellt worden, wirklich ein nettes aufgeschlossenes Mädchen.
Heute sah das doch schon recht europäisch aus mit den Aerobicübungen. Wieder eine andere Trainerin, wieder andere Musik, ein ganz anderer Stil, bei dem ich sogar Land sah, zumindest die ersten 45 Minuten. Dann wurde es wieder asiatisch. Jedesmal denke ich, meine gesamten Innereien sind durcheinander geraten, so schmerzt alles. Die Hüft- und Bauchtänze schaffen mich. Aber ich gebe nicht auf. Nach einer weiteren Stunde auf dem Laufband ging es wieder nach Hause. In "meinem" Haus angekommen, saß - wie fast immer- der ewig müde Wesley mit seiner Zigarette und diesesmal einem Glas Wein und nicht Bier, wie sonst immer, vor seiner Tür in der 4.Etage. Er raucht aus Rücksicht auf sein 6-Wochen altes Baby nicht in der Wohnung, sondern stets davor. Diese kleine Lady bringt ihn aber immer um seinen Nachtschlaf. Wenn er zur Arbeit geht, schläft sie, damit sie dann wieder die Nächte durchmachen kann. Ich habe sie eine Etage darüber noch nie schreien hören. Wir halten immer einen kleinen Smalltalk im Hausflur. Er hat mir schon viele Tipps gegeben, wie ich meine Viren auf dem Computer unter Kontrolle bekomme. Heute fragte mich der gelernte Koch aus Kanada, ob ich weiß wie "Bratwurst" gemacht wird. "Bratwurst" mit amerikanischem Dialekt ausgesprochen, richtig herrlich. Er will nicht wissen, wie sie zubereitet wird, sondern wie sie hergestellt wird. Er hat wohl schon das Internet durchkreuzt, konnte aber kein Rezept mit den benötigten Zutaten finden. Der Vater seiner chinesischen Frau ist Farmer und stellt jedes Jahr Bratwurst her. Die schmeckt ihm aber nicht. Er weiß aber auch nicht, welche Gewürze den tollen Geschmack von richtiger Bratwurst ausmachen. Das soll so schmecken, wie sie auch in Deutschland schmeckt. Und nun die Frage an euch, liebe Leser dieser Seite: Wer kennt einen Metzger oder hat ein Rezept, das aussagt, wie man Bratwurst (also keine Thüringer sondern auch sogenannte Mettwurst-denke ich zumindest) so richtig lecker herstellt? Eure Rezeptvorschläge nehme ich gern per E-Mail entgegen. Ich bin für jede Idee dankbar, und Wesley erst recht.
Den Hammer des Tages bildete ja wohl der Abend. Um 21.45 Uhr, direkt nach Dienstschluss, rief Bryan an, um mich zu Lindas Party einzuladen. Davon hatte ich nichts gewusst. Wenige Minuten später stand Linda vor der Tür. Ich wusste gar nicht recht, was ich von dieser Nacht- und Nebelaktion halten sollte. Sie stopfte uns in ein Taxi, das uns in eine abgelegene dunkle Seitenstraße beförderte. Hätte ich nicht Linda neben mir gehabt, ich glaube, dort wäre es mir etwas mulmig geworden. Ein irrer Lärm schoss mir aus einem der kleinen Häuser entgegen, in das Linda mich auch noch hineindrängelte. Es war nur mit einem Vorhang von der Straße getrennt. Ich fand mich in einem dunklen Raum wieder, eigentlich sehr gemütlich eingerichtet, wenn es nicht so grausam dreckig auf dem Fußboden gewesen wäre. Am Ende des Raumes stand ein riesiger Fernseher. Auf dem liefen Musikvideos mit Laufbändern der Texte ab: Karaoke. Glen und Bryan standen davor und schrien sich am Mikrofon die Kehle aus dem Hals. Es war unfassbar. Ich wurde platziert und muss wohl ein wenig ungläubig geguckt haben, so dass man mir einen Augenblick Zeit gab, die Sache zu peilen. Derweilen stellte sich noch ein Herr namens Scott vor, der mit am Tisch saß. Später stellte sich heraus, dass er auch Lehrer an der Schule ist. Nach drei chinesischen Titeln wurde ich doch allen Ernstes gefragt, warum ich nicht mitsinge, und es wurde mir das Mikrofon hingereicht. Ich hoffe nicht, dass mein Lachanfall falsch verstanden wurde, aber ich konnte nicht mehr. Die ganze Situation und ich chinesisch Karaoke singen... Es wurden doch tatsächlich für mich englische Titel gefunden. Und ihr werdet es nicht glauben, ich habe da sogar mitgemacht. Das war alles so komisch, da wäre ich wohl ein Spielverderber gewesen, wenn ich gekniffen hätte. Da habe ich mich doch tatsächlich hingestellt und Karaoke gesungen. Das Problem war nur, dass diese Lieder, die ich von Phil Colins, Sting oder Celine Dion kannte, von chinesischen Interpreten (im Hintergrund) gesungen wurden. Das hat mich doch mächtig irritiert. Aber blamieren konnte ich mich da nicht so recht. Wir waren unter uns, und so gut wie die anderen konnte ich auch gerade noch singen. Während Bryan, Scott und Glen sangen, jaulte des öfteren ein Hund am Vorhang, bei Linda und mir nicht. Um punkt 24.00 Uhr wurde die Sache ohne Ankündigung abrupt beendet, wie alles hier in China. Glen, Linda und ich stiegen in das nächste Taxi, das uns nach Hause bringen sollte. Ich wurde zuerst abgesetzt. Linda brachte mich doch wirklich bis an meine Tür, und erst als das sichere Tor ins Schloss fiel, stieg sie wieder in das Taxi. Nun hatte ich das nächtliche Amüsement von Shuangliu kennengelernt. Wirklich unglaublich, das muss man erlebt haben.
Posted by carola um 24.03.06 20:47
