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19.03.06
Der Sonntagsausflug
Nun hat es seit Tagen hier nicht mehr geregnet. Als ich kurz vor 9.00 Uhr das Haus verließ, um zum Sonntagsausflug aufzubrechen, traute ich meinen Augen nicht. Es war total versmogt. Nach tagelangem Halskratzen hat es mich jetzt mit einer kräftigen Erkältung erwischt, das kalte Badezimmer jeden Morgen und die kalte Dusche hat schon ihre Spuren hinterlassen. Schon deshalb bekomme ich sehr schlecht Luft, und dazu der stickige Smog!!! Die Sonne hatte keine Chance durchzudringen. Kurz nach 9.00 Uhr starteten 11 Personen vor der Schule in einem Van zu einem Sonntagsausflug, während die Schüler ins Schulgebäude strömten. Auch Sirley hatte heute Aufsichtsdienst in der Schule, so dass sie nicht mitkommen konnte. Die Fahrt dauerte eine Stunde, bis wir an einem beliebten Ausflugsziel ankamen, das nicht einmal die Einheimischen gleich fanden. Die Fahrt dorthin war wieder sehr abenteuerlich. Es wird links und rechts überholt, egal ob Gegenverkehr kommt, ein Radfahrer die Fahrbahn kreuzt oder jemand mal eben mitten auf der Straße wendet oder sein Auto repariert. Es wird sich durch Hupen Platz verschafft und keinerlei Rücksicht genommen. Es interessiert einfach nicht, ob die Ampel rot oder grün zeigt. Unterwegs wurde Wegezoll verlangt, selbst dort wurde gedrängelt, was das Zeug hält. Plötzlich fuhr ein Motorradfahrer vor uns, den wir merkwürdigerweise nicht überholten. Später stellte sich heraus, dass das ein guter Bekannter von Bryan war, der uns den Weg zum Ziel, Xin Jing, zeigen sollte. Dort angekommen, machten wir einen ausgiebigen Spaziergang zwischen den Rapsfeldern und Reisanbaugebieten. Den Höhepunkt bildeten jedoch die blühenden Birnbäume, weshalb die Leute aus der Stadt dorthin pilgern. Ich sollte tief durchatmen und die klare Luft genießen. Wir in Deutschland verstehen etwas anderes unter sauberer Luft. Wie dem auch sei, die Sonne schaffte es im Laufe des Tages tatsächlich noch, sich dort sehen zu lassen. Die beiden Büffel auf dem schmalen Wanderweg erschreckten uns schon ganz schön, aber ich wurde daran erinnert, dass ich doch beim Hotpotessen Büffelhaut gegessen hätte und deshalb very strong sei. Zurück am Ausgangspunkt gab es ein ausgiebiges Mittagessen. Plötzlich fanden sich noch viele andere der Gesellschaft bekannte Leute ein, so dass wir eine große Runde waren. Es stand wieder viel zu viel auf dem Tisch. Diesesmal war ich aber schlauer und stellte meine Tasche nicht wieder unter den Tisch, wo sie das erste Mal mächtig gelitten hatte. Alles, was nicht essbar ist (Knochen, Gräten, zähe Haut u.ä.), wird unter den Tisch auf den Fußboden gespuckt. Da es selbst auch Chinesen nicht immer leicht fällt, jede Sprosse, jede Bohne bzw. die Fleischstückchen mit den Stäbchen vom Serviergeschirr in ihr Schälchen zu balancieren, sieht es auch auf dem Tisch dementsprechend aus. Es muss nicht immer Hotpot sein, selbst diese Speisen heute ließen meine schrecklichen Halsschmerzen für eine gewisse Zeit vergessen. Diesesmal brannte der Rachen von dem scharfen Essen, dabei hatte ich gar nicht so viel gegessen. Zum einen habe ich immer noch Probleme mit dem Stäbchenessen und zum anderen wurde ich ständig durch jemanden gestört, der kam, um einen Toast auf mich auszusprechen und mit mir anzustoßen. Nach einem abrupten Ende der Zeremonie ging es mit dem Van weiter zum Sea of Bamboo. Dort ließen wir uns unter riesigen Bambusbäumen nieder. An kleinen quadratischen Tischen hatten sich sofort zwei Vierergruppen formiert, um den Rest des Tages Majiang (eine Art Domino) zu spielen. Es ging richtig zur Sache und um richtig viel Geld. Der Rest der Gesellschaft gruppierte sich um einen weiteren Tisch, an dem Beat the Lord gespielt wurde, ein in China sehr beliebtes Kartenspiel für drei Mitspieler. So wechselten wir uns immer ab, bis der Bekannte von Bryan - ein witziger Mensch, wie man sie hier kaum findet- den Vorschlag machte, den nahegelegenen Tempel zu besichtigen. Dieser Vorschlag wurde von fünf Leuten dankend angenommen. So wanderten wir 50 Minuten bis zum The Old Man's Mountain Tempel und erklommen die 492 Stufen hinauf bis zum höchsten Punkt. Ich war erstaunt über die große Anlage. So riesig hatte ich mir einen Tempel nicht vorgestellt. Da plötzlich die Zeit drängte, wurde unser Vanfahrer angerufen und gebeten, uns von dem Tempel abzuholen, was er dann auch tat. Kaum zurück, verabschiedete sich Bryans Bekannter um 17.00 Uhr von uns, weil er zum Unterricht in seine Schule musste-unvorstellbar zum Sonntag. Es wurde noch eine weitere Stunde gespielt, bis wir dann vor Ort noch ein ausgiebiges traditionelles Abendessen serviert bekamen, alles zwischen vielen Bambusbäumen und Hunden. Um 18.45 Uhr ging es wieder nach Hause. Die Straße total überfüllt, trotz der zugelassenenen Maximalgeschwindigkeit von 60 km/h ein unglaubliches Gedränge. Es wurde dunkel, aber niemand kam auf die Idee, sein Licht am Auto einzuschalten, abgesehen davon, dass auch schon vorher kein Durchblick herrschte wegen des starken Smog. Wir haben aber unfallfrei Shuangliu erreicht. Ich werde mir jetzt noch eine Paracetamol genehmigen, mich ins Bett legen und hoffe auf eine Besserung meines Gesundheitszustandes. Der Muskelkater, den ich mir am Freitag im Fitnesscenter geholt habe, tut sein übriges.
Posted by carola um 19.03.06 20:54
Kommentare
Sehr schön und bitte noch mehr solch herrlicher Beiträge. Auf alle Fälle die besten Genesungswünsche an dieser Stelle.
Posted by: Jens,Ines&Fabian Jagusch um 19.03.06 23:31
Hallo Carola!
Vielen Dank für Deine Glückwünsche. Aus China erhält man so etwas auch nicht alle Tage. Wir haben heute Deine Reiseberichte mit Interesse gelesen. Einen so großen Schulkomplex können wir uns gar nicht vorstellen. So viele Schüler ist schon Wahnsinn. Das Interesse der Schüler am Lernen hat auch uns beeindruckt - dieser Wille, unbedingt so viel wie möglich zu erfahren.
Wir wünschen Dir auf alle Fälle gute Besserung.
Gibt es dort eigentlich Regionen in Deinem Umfeld, wo man nicht ständig auf Menschenmassen trifft?
Viele Grüße Kerstin und Wolfgang
Posted by: Wolfgang Matuzak um 20.03.06 02:34
Hallo Frau Otte
Es ist sehr interessant alles zu lesen, was wir (vor 2 Jahren) auch schon in ähnlicher Art erlebt haben und es ist auch durchaus lustig. Hoffe, Sie erholen sich wieder schnell von der Erkältung...
Ich wünsche Ihnen noch viel Spaß und ich muss sagen, ich könnte nicht dort für längere Zeit wohnen, das habe ich jetzt schon für mich herausgefunden.
Liebe Grüße aus Hamburg nach Shangliu
Julia Grüning
Posted by: Julia Grüning um 20.03.06 04:45
Ist Shuangliu ein Stadtteil von Chengdu?
Liebe Gruesse,
Conny
Posted by: Conny um 21.03.06 00:58
