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22.03.06
Der Kindergarten
Heute war ein herrliches Wetter. Nachdem es die ganze Nacht kräftig geregnet hatte, standen zwar tiefe Pfützen auf den Straßen, aber es gab (fast) klare Luft, keinen Smog. Ich konnte mal wieder richtig tief durchatmen. Es war insgesamt etwas kälter, aber immer noch angenehm warm bei entsprechender Kleidung.
Um 11.30 Uhr rief mich Camille an und lud mich zum Mittagessen im "Bistro" um die Ecke ein. Bis dato hatte ich diese Erfahrung in solch einem Straßenimbiss nicht gemacht. Ich war gespannt, was das wird. Wir trafen uns vor unserem Haus und kehrten 20 m weiter ein. Camille war ja ganz clever. Sie zückte zwei Blätter, auf denen alle möglichen Speisen standen, die einen Nichtasiaten interessieren könnten: zuerst auf englisch, daneben in der Lautschrift "pinyin" und daneben mit den chinesischen Schriftzeichen. So suchten wir uns gemeinsam etwas aus, was wir essen wollten, zeigten der Bedienung das schlaue Papier. Sie wusste sofort, was sie bringen sollte, und die Bestellung war erledigt. Dann holte Camille ihre Putztücher hervor und begann, erst sich und dann das Essgeschirr gründlichst zu reinigen. Desweiteren legte sie ihr mitgebrachtes Stäbchenset (Kinderstäbchen mit Löffelchen) in einem eigens dafür besorgten Etui parat. Sie saß offensichtlich nicht das erste Mal an solch einem Tisch. Während wir auf das Essen warteten, was "frisch" zubereitet wurde, erzählte sie mir, wie sie als Sozialarbeiterin in den USA zu dem Job in China kam und über ihre Untersuchung beim Arzt, wirklich unglaublich abenteuerlich. Sie hat alles nur mit Gottes Hilfe und Eingebung überstanden. Sie war auch auf dem Sonntagsausflug nicht mit dabei, weil sie jeden Sonntag mit Jonathan (dem Bewohner der Wohnung in der 2. Etage) nach Chengdu zum amerikanischen Gottesdienst fährt. Sonst würde sie es hier nicht überstehen. Sie ist nicht gerade eine optimistische Endfünfzigerin. Für 20 Yuan (etwa 2 Euro) wurde uns ein üppiges Mittagessen serviert, was wirklich schmackhaft war. Nur die Sauberkeit des Serviergeschirrs ließ viele Wünsche offen.
Und dann ging es zu Fuß durch Matsch und Schlamm, vorbei an Baustellen unglaublichen Ausmaßes geradewegs zum Kindergarten. Also, Leute, was sich da für ein Schloss vor meinen Augen auftat, ist für chinesische Verhältnisse nicht mit Worten zu beschreiben. Es handelt sich um den größten der inzwischen sieben Kindergärten der Gruppe "Golden Apple" in China. Diese konkrete Einrichtung heißt "Golden Apple Airport Bilingual Kindergarten" und ist das vierte Jahr in Betrieb. Ein junger Mann namens Louis begrüßte uns auf das Herzlichste und freute sich sichtlich über mein Interesse, mir das Haus anschauen zu wollen. Er ist der Chef des Hauses, hat in den USA studiert, spricht deshalb fließend englisch. In dem Haus spielen und lernen 300 Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren. Einige wohnen die ganze Woche dort, andere werden abends abgeholt. Einige sind nur für ein paar Wochen dort, andere mehrere Jahre. Dort fehlt es wirklich an nichts. Alles ist unglaublich liebevoll eingerichtet. Ich kann es nicht in Worte fassen. Schaut euch bitte die Bilder an, die ich dort machen durfte. Da die Kinder gerade schliefen, konnten wir jeden Raum in Ruhe begutachten. Schon die Außenanlage ist ein Paradies für die Kinder. Es gibt nicht nur genug Platz zum spielen, sondern auch einen richtigen Highway (der Größe der Kinder entsprechend angepasst), um die Verkehrsregeln zu erlernen und einen großen Garten, wo die Kinder die Entwicklung von Blumen, Pflanzen und Bäumen das ganze Jahr über beobachten können. Bei schlechtem Wetter spielt sich alles drin ab, trotzdem hat man das Gefühl, draußen zu sein. Das gesamte Haus ist hell, an vielen Seiten offen. Unter einem Glasdach gibt es auf vier Etagen alles, was zu einer umfassenden zweisprachigen Ausbildung und Erziehung notwendig ist. Gleich im Eingangsbereich bekamen wir Stoffüberzieher für unsere Straßenschuhe ausgehändigt. Dann stand dort eine große Fernsehanlage, auf der die ankommenden Eltern bei Bedarf ihre Kinder live bei ihren Aktivitäten über eine in jedem Raum installierte Kamera beobachten können. Und eine Ordnung und Sauberkeit herrschte dort!! Jedes Paar Schuhe exakt gestellt, die Zahnbürsten in den Waschräumen jedes einzelnen Klassenraumes zeigten in ihren Bechern in die gleiche Richtung, jedes Handtuch, jeder Waschlappen exakt platziert, alle Unterrichtsmaterialien perfekt unter den kleinen Tischchen angeordnet. Jede Deckenlampe im Raum verkörpert eine andere Obstsorte. Zur luxuriösen Ausstattung der Küchenecke gehört ein Sterilisator für das Geschirr der Kinder. Jeder Gegenstand im Raum ist mit dem entsprechenden englischen Begriff versehen, überall hängen englische Aufforderungen. Im Sommer ist auch der Indoor Swimmingpool mit Wasser gefüllt. Eine tägliche ärztliche Überwachung jedes einzelnen Kindes vor Ort ist selbstverständlich. Was soll ich sagen, ich war durch und durch fasziniert von dieser Einrichtung. Ich konnte mir natürlich die Frage nach den Kosten nicht verkneifen. Ein "Monatskind" bezahlt zwischen 1.400 und 1.600 Yuan im Monat. Für ein Kind, das das ganze Jahr dort verbringt, müssen die Eltern zwischen 21.000 und 23.000 Yuan bezahlen.
Benebelt von diesen Eindrücken wurde ich vor den Toren des Hauses in dem Schlamm und Güllegeruch ganz schnell in das wahre Leben zurückgeholt. Pünktlich um 16.10 Uhr stand ich wieder vor meinen neun Deutschinteressenten. Heute kam die Frage, wie lange ich eigentlich an der Schule bin. Als ich meinte, Anfang Juni wieder abzureisen, kam doch prompt die Frage, wann ich dann wiederkomme. Die konnte ich ihnen nicht beantworten. Die Ankündigung einer ersten Kurzkontrolle in der nächsten Stunde zu dem bisher Gelernten fanden sie ebenfalls gar nicht witzig. Da sie keine Mitarbeitsnoten bekommen, sie aber auf dem Zeugnis die Teilnahme an diesem Kurs mit Noteneinschätzung quittiert bekommen sollen, bin ich aufgefordert worden, auch Arbeiten zu schreiben. Diese Schüler bräuchten diesen Druck der Notengebung in Deutsch zumindest wahrhaftig nicht.
Zum guten Schluss des Tages fand ich mich doch tatsächlich wieder im Fitnesscenter ein. Heute stand Yoga auf dem Programm. Ich bewegte mich heute aber hinter dem Schaufenster auf dem Laufband und beobachtete die Verrenkungen der Teilnehmer von dort. Und wen treffe ich dort? Nein, Sirley war heute nicht dort. Der Kindergarten Headmaster Louis trainiert auch im "Meiyun", dem größten Fitnesscenter von Shuangliu. Nach einem kurzen Smalltalk begab ich mich unter die heute wieder molligwarme Dusche und wanderte durch die belebten Straßen nach Hause.
Posted by carola um 22.03.06 21:10
Kommentare
Der Kindergarten sieht ja wirklich traumhaft aus, wahrhaftig, ein richtiges Kinderparadies - zumindest so im Ruhezustand. Konntest du denn dort der Englischstunde deiner amerikanischen Kollegin beiwohnen? Hattest du ueberhaupt eine Chance die Kinder bei Taetigkeiten zu erleben? Wieviel Kindergaertnerinnen sind denn dort beschaeftigt? Finanziert sich der Kindergarten allein durch die Beitraege der Eltern oder gibt es zusaetzlich noch staatliche Unterstuetzung?
Yoga, das klingt gut. Ist hervorragend zum Entspannen. Musst du probieren und irgendwann wird es dir gefallen.
Ich gehe morgen uebrigens zur feierlichen Eroeffung einer grossen China-Ausstellung "China - Vergangenheit und Zukunft" (www.hkw.de) in das Haus der Kulturen der Welt. Ich werde an dich denken!
Heute Abend beginnt auch die vierteilige Dokumentation ueber China im ZDF. Das kannst du deinen chinesischen Kollegen und Kolleginnen erzaehlen, dass es bei uns so ein grosses Interesse an China gibt...
Habe unseren Eltern wieder vorgelesen. Sie sind wie ich immer ganz begeistert. Morgen muessen sie sich endlich mal die Fotos anschauen....
Einen schoenen und wieder erlebnisreichen 23. Maerz wuenscht dir,
Conny
Posted by: Conny um 23.03.06 01:11
